Die Vergoldung der Kirchenorgel in Braunau

Polimentvergoldung an der Kirchenorgel in Braunau

 

Ausführung einer historischen Polimentvergoldung

Für mich war es eine sehr große Herausforderung, die Polimentvergoldung am Schleierwerk der Kirchenorgel in Braunau auszuführen. Die Arbeit erstreckte sich über einige Monate; das Ergebnis ist jedoch überwältigend.
Durch die meisterhaft angefertigten Schnitzereien kommt die besondere Anmut der Polimentvergoldung voll zum Ausdruck. Die Polimentvergoldung ist die einzige klassische Vergoldeart, die wirklich den Charakter massiven Goldes inne hat. Zwar gibt es auch moderne Vergoldetechniken,  welche die Wirkung massiven Goldes haben, allerdings tragen diese nicht die Handwerksspuren und wirken eher industriell.
Sehen Sie hier einige Aufnahmen aus der Vergoldewerkstatt bei der Herstellung der Vergoldung. Die Vergoldung wurde mit Rotgold (23 Karat) ausgeführt.

Schon die alten Ägypter kannten eine Methode, hauchdünn geschlagenes, kostbares Gold auf andere Materialien aufzubringen und auf Hochglanz zu polieren. Diese Art der Vergoldung entsprach im Wesentlichen bereits damals der Technik der Polimentvergoldung. Poliert wurde in früherer Zeit mit Raubtierzähnen. Die Kunst der Polimentvergoldung wurde im Laufe der Zeit immer weiter verfeinert und bis in unsere Tage am Leben erhalten. Die heute verwendete Technik entspricht weitgehend der Art und Weise, wie Polimentvergoldungen im Mittelalter ausgeführt wurden.

Eine fertiggestellte Polimentvergoldung hat eine besondere Ausstrahung, die mit keiner anderen Vergoldetechnik erreicht werden kann. Die Oberfläche erhält einen spiegelnden Hochglanz, der dem Eindruck massiven Goldes sehr nahe kommt, ohne dekadent zu wirken, da alle Handwerksspuren sichtbar bleiben.

Im Folgenden finden Sie eine kurze Beschreibung der Ausführung einer Polimentvergoldung.

 

Leimtränke und Steingrund

Die Leimtränke wird aufgetragen Der Steingrund wird aufgebracht

Die ersten beiden Schichten dienen dazu, dem Aufbau der Polimentvergoldung eine sichere Haftung zu geben. Man sollte sich vor Augen führen, dass die vielen nachfolgenden Schichten eine sehr hohe Oberflächenspannung haben und beim Polieren ein enormer Druck auf den Aufbau entsteht. Demnach müssen diese beiden unteren Schichten auch noch nach vielen Jahrzehnten eine sichere Haftung gewährleisten.

Die eigentliche Schwierigkeit bei diesem Arbeitsgang liegt darin, dass die Leimkonzentration der Leimtränke genau auf die Saugfähigkeit des Werkstücks abgestimmt sein muss. Ist die Konzentration zu hoch, bildet sich eine Leimschicht auf der Oberfläche und der nachfolgende Steingrund kann nicht richtig haften. Ist die Konzentration zu niedrig, werden die Poren nicht genügend geschlossen und der Steingrund magert aus. Das heißt, der Leim aus dem Steingrund wird ausgesaugt und der Steingrund verliert an Festigkeit.

Der Steingrund wird nicht nur einfach aufgestrichen, sondern mit einer besonderen Pinselführung aufgebracht. Man bezeichnet diese Arbeitsweise als schummern. Durch diese Arbeitsweise wird die Oberfläche besonders rau, wodurch nachfolgende Schichten besser haften können.

 

Kreidegrund

Viele Schichten Kreidegrund müssen aufgetragen werden

Der Kreidegrund, oder vielmehr die Kreidegr?nde stellen den Untergrundaufbau für die Vergoldung dar. Der Kreidegrund wird in vielen Schichten aufgetragen. Es sollten mindestens 4 Schichten sein, aber je nach Anwendung können es auch bis zu 20 Schichten sein. Dies ist beispielsweise bei aufwendigen Gravierarbeiten notwendig. Wichtig ist die Herstellung einer glatten, polierfähigen Oberfläche. Zwischen den letzten Schichten wird geschliffen, eventuell auch graviert.

Im Normalfall bringe ich acht Schichten auf, wodurch auf jeden Fall eine gute Polierfähigkeit gewährleistet ist, auch wenn noch graviert wird. Es ist unbedingt darauf zu achten, dass jede Kreidgrundschicht in einer anderen Zusammensetzung hergestellt wird. Die Leimkonzentration muss dabei immer weiter abnehmen, um die gewaltigen Oberflächenspannungen immer weiter abzubauen. Beachtet man dies nicht, platzen die Schichten unweigerlich vom Untergrund ab und der Aufbau muss von vorn beginnen.

Für die Herstellung der Kreidegründe verwende ich verschiedene Kreidearten, die zudem noch in verschiedenen Verhältnissen gemischt werden. Die unterschiedlichen Kreidearten haben verschiedene Eigenschaften. Manche sind besonders fest, andere haben sehr gute Poliereigenschaften, manche ergeben dickere Schichten und füllen sehr stark, andere tragen nur sehr dünn auf. Die richtige Auswahl der Kreidesorte erfordert sehr viel Materialkenntnis und Erfahrung.

 

Schleifen und Gravieren

Schleifen und gravieren

Nachdem alle Kreidgründe aufgebracht wurden und das Werkstück trocken ist, beginnt ein weiterer, aufwendiger Arbeitsgang. Je nach Form und Konturenreichtum muss graviert werden, da alle kleine Formen und Vertiefungen durch die vielen Schichten des Kreidegrundes zugestrichen wurden. Auch bei glatten Formen oder Profilen muss zumindest geschliffen werden, denn die Oberfläche der Kreidegründe muss absolut glatt sein. Diese Arbeit erfordert viel Erfahrung und vor allem Geduld.

Bei diesem Arbeitsgang werden alle Konturen herausgearbeitet. Alle nachfolgenden Schichten tragen kaum noch auf, so dass auch keine Fehler mehr ausgeglichen werden können. Geschliffen wird nass. Deshalb muss sehr darauf geachtet werden, dass der Kreidegrund auf gar keinen Fall durchgeschliffen wird. Hier ist sehr viel Fingerspitzengefühl gefragt. Am Schluss wird aller Schleifstaub und -schlamm vorsichtig abgewaschen. Das Werkstück muss dann gut trocknen.

 

Lösche und Poliment

Das Poliment

Nach dem Trocknen ist die Oberfläche des Kreidegrundes ausgemagert und muss nachgeleimt werden, damit das folgende Poliment gut haften kann. Dazu wird eine dünne, warme Leimlösung, die Lösche, aufgetragen. Diese Schicht ist besonders kritisch. Wenn die Lösche zu stark ist, wird der komplette Aufbau unbrauchbar. Er würde sich dann später beim Polieren einfach vom Untergrund lösen.

Wenn die Lösche trocken ist, kann das Poliment aufgetragen werden.
Poliment ist sehr feine Tonerde. Sie wird in Klumpen, sogenannten Hütchen geliefert. Zunächst muss das Poliment fein gerieben werden. Ich verwende dazu eine Muskatnussreibe. Anschließend wird es mit einer Leimlösung vermengt und mit einem Glasläufer sehr intensiv angerieben. Das Poliment muss unbeding sehr fein sein. Körnchen ergeben später hässliche Störungen in der Oberfläche.

Dies wird in zwei oder vier lasierenden Schichten aufgetragen. Poliment gibt es in vielen verschiedenen Farben. Die Farbe des Poliments entscheidet später über Anmut und Charakter des fertigen Stückes. Eine klassische Polimentvergoldung enthält zwei Schichten gelbes Poliment und zwei Schichten rotes Poliment. Das Poliment schimmert durch das hauchdünne Gold hindurch, wobei der einzigartige Charakter dieser Vergoldung entsteht. Für Silber und Platin wird meist schwarzes Poliment verwendet, für Platin allerdings teilweise auch rotes Poliment. In der modernen Zeit werden solche Regeln natürlich auch sehr gern bewust gebrochen. Ich persönlich finde Gold auf schwarzem Poliment sehr reizvoll.

 

Vergolden und Polieren

Nun kommt der eigentlich hochkarätige Arbeitsgang, das Vergolden. Das Werkstück wird mit einer Netze, einem Gemisch aus destilliertem Wasser und Alkohol, satt eingestrichen und das Blattgold darin “angeschossen”. Für die Polimentvergoldung eignen sich alle Goldsorten, Silber und Platin. Schlagmetalle sind nicht geeignet. Erstaunlich ist, dass keinerlei Klebmittel verwendet wird. Genau das ist aber auch der Grund, warum ein solcher Spiegelglanz erreicht werden kann.

Nach genügender Trocknung kann poliert werden. Die Vergoldung sollte noch nicht komplett durchgetrocknet sein. Poliert wird heutzutage mit Achat-Poliersteinen. Hierbei wird ein gewaltiger Druck auf die unterliegenden Schichten ausgeübt. Die Kreidegründe werden verpresst und geben der Oberfläche ihren Glanz. Dabei spielt die Gesamtdicke der Kreidegründe die entscheidende Rolle. Nach dem Polieren ist die Vergoldung fertiggestellt und kann eventuell noch mit Punzen ziseliert werden.

Die Polimentvergoldungen an der Kirchenorgel in Bad Wildungen-Braunau sind fertiggestellt. Die Orgel wurde am 21. Juni 2010 um 11:00 Uhr bei einem Festgottesdienst eingeweiht und kann als Referenzobjekt besichtigt werden.